Vorurteile –> Vorannahmen

Vermutlich für uns alle würde es sich negativ anhören, wenn jemand uns gegenüber offen zugeben würde: „Ich habe ein Vorurteil über dich.“ Auch wenn uns jemand das Gleiche mit Fachwort verklausoliert sagt: „Ich sehe dich durch meine Stereotypen-Brille“, würde das vermutlich nicht gut ankommen. Wir wollen lieber – ich finde verständlicherweise – alle so gesehen werden, wie wir „wirklich sind“. Nicht mit Vorwissen in eine Schublade kommen, aus der wir nicht mehr herauskommen.

Und doch nutzen wir alle dieses Denken in Stereotypen. Psychologen sagen sogar: Stereotype sind nützlich! Wenn das schon Psychologen sagen: Dann muss ja etwas dran sein! Wie kann es sein, dass Stereotype nützlich sind? Oder: Was macht Stereotype nützlich?

Die Seite des Anwenders

Ganz einfach: Wenn wir in Schubladen denken, haben wir nur eine überschaubare Anzahl davon. Wir rastern die Welt, vereinfachen sie uns. Wir können schneller Einschätzungen treffen. Das kann in unserer doch so sehr beschleunigten Zeit ja wirklich helfen. Und oft stimmen unsere Annahmen ja auch noch. Warum sie dann also nicht nutzen?
Das ist die Seite des „Anwenders der Vorurteile“.

Die Seite des Einsortierten

Wenn wir zurückschauen auf den ersten Abschnitt, dann steht da, warum es zumindest mir so unangenehm ist, „in einer Schublade zu sein“: Weil es so schwer ist, da wieder heraus zu kommen.
Das ist die Seite des so Einsortierten.
Als solches sind Schubladen also gar nicht schlecht. Ich möchte nur nicht „darin gefangen“ sein. Das „Urteil“ ist also das, was stört, das „Unabänderliche“.

Seit Neuerem gibt es ein Wort, was das ein wenig verdeutlicht: Vorurteile oder Stereotype werden jetzt „Vorannahmen“ genannt. Dieser Begriff klingt für mich sympathischer. Er macht – finde ich zumindest – deutlicher, dass wir uns korrigieren können. Dass wir erst einmal eine vorübergehende erste Einschätzung treffen. Dass wir aber offen dafür sind, zu sehen, als was sich unser Gegenüber später dann WIRKLICH herausstellt. Wir stellen sozusagen eine Hypothese auf, wie unser Gegenüber VIELLEICHT ist, was wir über sie oder ihn annehmen. Gleichzeitig bleiben wir offen dafür, unser Bild zu ändern. Vielleicht nur in einzelnen Punkten, vielleicht auch grundsätzlich. Wir lernen eben dazu.
Als weiterer schöner Punkt kommt hinzu, dass das Wort „annehmen“ darinsteckt: einander annehmen.

Kombinieren ist für mich die Lösung

Kombinieren wir die Geschwindigkeit der Ersteinschätzung mit der Offenheit dazuzulernen! Dann kommen wir zu einer – in meinen Augen – guten Art mit der Geschwindigkeit der Zeit umzugehen und gleichzeitig den Individuen, die uns gegenüberstehen, gerecht zu werden.

Ich möchte die Vorteile der schnellen Einschätzung und die „unschuldige“ kindliche Neugier, das „Staunen“ bewahren, um herauszufinden, was wohl beim Gegenüber dahintersteckt. Beim Gegenüber, das ich erst einmal annehme.

Kannst du da mitgehen?